Künstliche Intelligenz verändert die Wohnungswirtschaft mit enormer Geschwindigkeit. Beim diesjährigen Aareon Summit sprach PresseCOMPANY-Geschäftsführer Rainer Frick mit Aareon-CEO Harry Thomsen über die Zukunft von ERP-Systemen, AI-native Softwarelösungen, digitale Co-Worker und die Frage, warum sich Unternehmen jetzt aktiv mit KI auseinandersetzen müssen. Ein Gespräch über Chancen, Tempo und die nächste Evolutionsstufe der digitalen Wohnungswirtschaft.
Rainer Frick: Herr Thomsen, wir führen inzwischen fast traditionell jedes Jahr ein Gespräch über die digitale Transformation der Wohnungswirtschaft. Vor einem Jahr haben wir intensiv über die Rolle von KI in ERP-Systemen gesprochen. Was hat Sie technologisch in den vergangenen zwölf Monaten am meisten überrascht?
Harry Thomsen: Ganz klar die Geschwindigkeit. Dass KI die Softwareentwicklung verändern wird, konnte man ahnen. Aber wie schnell das passiert und welche Qualität heute bereits möglich ist – das hätte ich mir so nicht vorstellen können. Wenn man sieht, wie KI heute Code generiert, ist das schon faszinierend. Das stellt den gesamten Software-Lifecycle um. Entwickler werden künftig viel stärker an Spezifikationen und Prompts arbeiten, während KI den eigentlichen Code erzeugt. Und teilweise ist die Qualität inzwischen sogar besser als menschlich geschriebener Code.
Gleichzeitig erleben wir gerade enorme Veränderungen bei klassischen Softwareunternehmen. Selbst SAP stand zuletzt massiv unter Druck. Bedeutet KI langfristig das Ende klassischer ERP-Systeme?
Nein, so einfach ist es nicht. Technologie allein reicht nicht aus. Entscheidend bleibt das Branchen-Know-how. Gerade die Wohnungswirtschaft ist hochreguliert und sehr komplex. Wenn man die Prozesse nicht versteht, kann man auch mit KI keine gute Software bauen. Deshalb bleiben Kundennähe und Industrie-Know-how extrem wichtig.
Aareon hat auf dem letzten Summit angekündigt, gemeinsam mit Pilotkunden KI-Anwendungen zu testen. Offenbar war die Nachfrage deutlich größer als erwartet?
Absolut. Wir wollten ursprünglich mit zehn Unternehmen starten und hatten am Ende rund 30 Pilotkunden. Das Interesse war riesig. Besonders spannend ist für uns zu sehen, wie schnell die tatsächliche Nutzung steigt. Viele Unternehmen starten vorsichtig, aber sobald die Mitarbeitenden merken, wie viel einfacher bestimmte Prozesse mit KI werden, nimmt die Nutzung sehr dynamisch zu.
Die Wohnungswirtschaft gilt nicht unbedingt als besonders experimentierfreudig. Überrascht Sie diese Offenheit?
Teilweise schon. Aber ich glaube, die Branche erkennt inzwischen das enorme Potenzial. In der Wohnungswirtschaft gibt es unglaublich viele repetitive Prozesse. KI kann hier helfen, Mitarbeitende massiv zu entlasten. Es geht dabei nicht darum, Menschen zu ersetzen. Vielmehr bekommen Mitarbeitende Unterstützung für Tätigkeiten, die niemand wirklich gerne macht.
Sie haben heute einen Satz gesagt, der mir hängen geblieben ist: „Jeder sollte einen Co-Worker haben.“
Ja, eigentlich schon. Jeder Mitarbeitende wird künftig einen digitalen Co-Worker an seiner Seite haben – quasi ein digitaler Auszubildender. Und je besser man diesen anlernt, desto leichter wird der eigene Arbeitsalltag. Das verändert auch die Rolle der Mitarbeitenden. Viele werden so stärker zu Managerinnnen und Managern ihrer digitalen Assistenzen.
Welche KI-Anwendungen funktionieren derzeit in der Praxis besonders gut?
Sehr stark genutzt wird aktuell alles rund um den Posteingang und die Dokumentenverarbeitung – also Rechnungen, Beschwerden, Schadensmeldungen oder allgemeine Mieterkommunikation. Das bringt sofort spürbare Entlastung. Sehr spannend entwickelt sich aber auch die intelligente Archivsuche. Künftig kann ich praktisch mit meinem Archiv sprechen und Informationen deutlich schneller finden.
Vor einem Jahr haben wir noch darüber diskutiert, ob KI klassische ERP-Systeme irgendwann ersetzen könnte. Wie sehen Sie das heute?
Wie vorhin erwähnt, ganz so einfach ist das nicht. Aber vor allem durch sogenannte in ERP integrierte Agentensysteme hat sich unglaublich viel verändert. Vollautomatisierte KI-gestützte ERP-Prozesse sind grundsätzlich möglich. Die Frage ist nicht mehr, ob das technisch funktioniert, sondern wie schnell Unternehmen diesen Wandel annehmen.
Mit „KIAAN“ arbeiten Sie bereits an einem AI-native ERP-System für kleinere Immobilienverwaltungen. Wie weit ist Aareon hier?
Sehr weit. Wir werden KIAAN ERP noch in diesem Jahr launchen. Das System wurde komplett KI-gestützt entwickelt und richtet sich zunächst an kleinere Verwaltungen. Ziel ist es, möglichst viele Prozesse automatisiert abzubilden. Für kleinere Bestände wird das ein echter Gamechanger. Zudem befindet sich KIAAN AI Agent in der Endphase der Pilotierung und wird für die ERP-Systeme PowerHaus, Karthago und easimo verfügbar sein.
Gleichzeitig treibt Aareon den Rollout von Wodis Yuneo massiv voran. Wie läuft die Migration?
Sehr gut. Wir haben im vergangenen Jahr mehr Kunden live gesetzt als jemals zuvor. Natürlich würden wir gerne noch schneller werden, aber solche Transformationen brauchen Zeit. Gleichzeitig ist genau dieser Schritt wichtig, um die neuen KI-Funktionalitäten überhaupt nutzen zu können. Die volle KI-Power entfaltet sich erst in modernen Cloud-Umgebungen.
Abschließende Frage: Wenn wir uns in einem Jahr wieder treffen – wo steht Aareon dann?
Der Automatisierungsgrad wird deutlich höher sein als heute. Viele repetitive Prozesse werden im Hintergrund bereits automatisiert laufen. Und ich bin überzeugt: In einem Jahr werden sehr viele Mitarbeitende bereits ganz selbstverständlich mit digitalen Co-Workern arbeiten. Die entscheidende Frage wird nicht mehr sein, ob KI kommt – sondern wie gut Unternehmen lernen, sie sinnvoll einzusetzen.
Bildquelle: Aareon
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