24.07.2026

„Der Smart Meter wird zum Betriebssystem des Mehrfamilienhauses“

In unserer Interview-Reihe „Im Fokus“ verraten Fachleute der Wohnungswirtschaft, was die Branche wirklich bewegt. In dieser Ausgabe erklärt Dr. Alexander Conreder, Leitung Wohnungswirtschaft bei EnBW, warum intelligente Messsysteme als zentrale Voraussetzung für zahlreiche Anwendungen gelten, die künftig über Wirtschaftlichkeit und Zukunftsfähigkeit von Wohngebäuden entscheiden.

imo-news: Herr Dr. Conreder, Smart Meter sind seit Jahren ein Thema. Warum erleben sie gerade jetzt einen solchen Bedeutungszuwachs?
Dr. Alexander Conreder: Lange wurden Smart Meter vor allem als moderne Stromzähler wahrgenommen. Tatsächlich sind sie aber viel mehr als das. Sie bilden die digitale Infrastruktur für ein zunehmend vernetztes Energiesystem. Die Energiewelt verändert sich grundlegend: Immer mehr Mehrfamilienhäuser verfügen über Photovoltaikanlagen, Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge oder perspektivisch Wärmepumpen. Gleichzeitig gewinnen dynamische Stromtarife und intelligente Steuerung von Verbrauchern an Bedeutung. All diese Anwendungen benötigen verlässliche Mess- und Kommunikationsdaten. Genau hier kommen Smart Meter ins Spiel. Man kann deshalb durchaus sagen: Der Smart Meter entwickelt sich vom Messgerät zur Basis-Infrastruktur des Energiesystems im Wohngebäude.

Welche Entwicklungen sollten Unternehmen aus der Wohnungswirtschaft derzeit besonders im Blick behalten?
Der wichtigste Punkt ist sicherlich, dass mehrere regulatorische Entwicklungen derzeit zusammenlaufen. Neben dem beschleunigten Smart-Meter-Rollout verpflichtet auch die novellierte Heizkostenverordnung dazu, Wohngebäude bis Ende 2026 mit fernablesbarer Messtechnik auszustatten und unterjährige Verbrauchsinformationen bereitzustellen. Für die Wohnungswirtschaft bedeutet das: Digitalisierung ist heute kein isoliertes Einzelprojekt mehr. Sie wird zur Grundlage vieler zukünftiger Entscheidungen rund um Energieversorgung, Gebäudetechnik und Bewirtschaftung.

Viele Branchenvertreter fragen sich dennoch, welchen konkreten Nutzen Smart Meter im Alltag bringen.
Das ist verständlich. Der eigentliche Mehrwert entsteht nicht durch den Zähler selbst, sondern durch die Möglichkeiten, die er eröffnet. Nehmen wir beispielsweise Ladeinfrastruktur: Werden künftig mehrere Elektrofahrzeuge gleichzeitig geladen, braucht es intelligentes Lastmanagement. Oder denken wir an Photovoltaik auf Mehrfamilienhäusern: Hier wird es immer wichtiger, lokal erzeugten Strom möglichst effizient innerhalb des Gebäudes zu nutzen und abrechnen zu können. Auch dynamische Stromtarife entfalten ihren wirtschaftlichen Nutzen erst dann, wenn Verbrauch und Preise intelligent zusammengeführt werden. Smart Meter schaffen hierfür die notwendige Datengrundlage. Gleichzeitig profitieren Verwaltungen von höherer Transparenz über zentrale Verbrauchsdaten, digitaleren Prozessen und langfristig effizienteren Betriebsabläufen.

Welche Rolle spielt dabei ein integrierter Lösungsansatz?
Aus unserer Sicht eine sehr große. Die größte Herausforderung besteht heute weniger darin, einzelne Technologien einzuführen, sondern sie sinnvoll miteinander zu verbinden. Deshalb verfolgen wir mit EnBW immo+ einen ganzheitlichen Ansatz. Statt isolierter Einzelprodukte, im schlimmsten Fall noch proprietäre Lösungen, kombinieren wir Energietarife, digitale Services, Ladeinfrastruktur sowie PV- und Mieterstromlösungen zu einem integrierten Energiesystem für Mehrfamilienhäuser und Quartiere. Ziel ist es, Komplexität zu reduzieren und Verwaltungen bei der Umsetzung der Energiewende möglichst einfach zu unterstützen. Gerade Smart Meter bilden dabei häufig die digitale Basis, auf der viele dieser Anwendungen überhaupt erst effizient zusammenarbeiten können.

Bleiben wir bei der Elektromobilität. Welche Verbindung besteht zwischen Smart Metern und Ladeinfrastruktur?
Eine sehr enge. In den vergangenen Jahren lag der Fokus häufig darauf, überhaupt Ladepunkte zu schaffen. Heute geht es zunehmend darum, diese intelligent zu betreiben. Wenn mehrere Fahrzeuge gleichzeitig laden, müssen verfügbare Netzanschlüsse optimal genutzt werden. Reduzierte Netznutzungsentgelte nach §14a EnWG sind heute da eigentlich schon Standard –perspektivisch können dynamische Strompreise oder selbst erzeugter Solarstrom in die Ladeprozesse einbezogen werden. Dafür braucht es aktuelle Messdaten und digitale Steuerungsmöglichkeiten. Deshalb betrachten wir Ladeinfrastruktur heute nicht mehr isoliert, sondern als Bestandteil eines intelligenten Energiesystems. Unsere Ladelösungen für Mehrfamilienhäuser sind genau auf diesen skalierbaren Ansatz ausgelegt und lassen sich Schritt für Schritt gemeinsam mit weiteren Energielösungen weiterentwickeln.

Auch Photovoltaik gewinnt im Gebäudebestand zunehmend an Bedeutung.
Absolut. Viele Eigentümer möchten heute deutlich mehr erreichen, als lediglich Strom ins öffentliche Netz einzuspeisen. Ziel ist vielmehr, möglichst viel lokal erzeugte Energie direkt im Gebäude zu nutzen. Dies wird mit dem kommenden EEG nochmals wichtiger. Genau hier entstehen spannende Möglichkeiten – etwa über Mieterstrommodelle oder perspektivisch weitere lokale Versorgungskonzepte. Damit diese wirtschaftlich funktionieren, braucht es jedoch Transparenz über Erzeugung und Verbrauch. Smart Meter schaffen hierfür die notwendige Datengrundlage und ermöglichen künftig immer intelligentere Energiekonzepte innerhalb von Mehrfamilienhäusern.

Viele Unternehmen fühlen sich angesichts der Vielzahl neuer Themen überfordert. Wie erleben Sie das im Austausch mit Ihren Kunden?
Das hören wir tatsächlich häufig. Verwaltungen und Bestandshalter beschäftigen sich heute gleichzeitig mit Dekarbonisierung, gesetzlichen Vorgaben, E-Mobilität, Digitalisierung, Heizungsmodernisierung und steigenden Anforderungen ihrer Eigentümergemeinschaften oder Mieter. Und das sind nur die Themen in unserer Energie-Bubble. Deshalb wünschen sich viele keinen weiteren Einzelanbieter, sondern einen Partner, der Zusammenhänge erklärt und Lösungen miteinander verknüpft. Genau darin sehen wir unsere Rolle. Wir begleiten die Wohnungswirtschaft nicht nur bei einzelnen Projekten, sondern entwickeln gemeinsam eine langfristige Energie- und Digitalisierungsstrategie für ihre Bestände. Dadurch lassen sich Investitionen besser aufeinander abstimmen und spätere Doppelstrukturen vermeiden.

Was würden Sie Verwaltungen raten, die sich jetzt erstmals intensiver mit Smart Metern beschäftigen?
Ich würde das Thema nicht isoliert betrachten. Die entscheidende Frage lautet nicht: Brauche ich einen Smart Meter? Sondern vielmehr: Welche Energie- und Gebäudestrategie möchte ich in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren verfolgen? Wer künftig Photovoltaik, Ladeinfrastruktur, digitale Energiedienstleistungen oder moderne Tarifmodelle nutzen möchte, wird intelligente Messtechnik früher oder später benötigen. Deshalb lohnt es sich bereits heute, die Weichen richtig zu stellen. Smart Meter sind keine kurzfristige Pflichtübung, sondern eine Investition in die digitale Infrastruktur des Gebäudes – ähnlich wie ein Glasfaseranschluss oder eine moderne Netzwerkverkabelung. Wichtig ist hierbei natürlich die Wahl der Dienstleister und Hardware. Diese sollten offene Standards nutzen, sodass auch immer ein Wechsel eines Dienstleisters möglich ist und die Schnittstellen zum Gesamtsystem funktionieren.

Zum Abschluss: Wie sieht Ihre Vision für das Mehrfamilienhaus der Zukunft aus?
Ich glaube, dass wir künftig deutlich stärker in integrierten Energiesystemen denken werden. Gebäude werden Strom erzeugen, Energie speichern, Elektrofahrzeuge intelligent laden und Verbrauch flexibel an Angebot und Preise anpassen. Viele dieser Prozesse laufen künftig automatisiert im Hintergrund ab. Die Aufgabe der Immobilienverwaltung besteht dann nicht mehr darin, einzelne Technologien zu koordinieren, sondern ein wirtschaftlich funktionierendes Gesamtsystem zu betreiben oder betreiben zu lassen. Smart Meter sind dafür ein zentraler Baustein. Sie schaffen die digitale Transparenz, auf der die Energieversorgung von morgen aufbaut – und damit die Grundlage für eine nachhaltige, wirtschaftliche und zukunftsfähige Wohnungswirtschaft.


Bildnachweis: EnBW

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