Ministerin Verena Hubertz ist mit ehrgeizigen Plänen im Bundesbauministerium gestartet. Wie will sie Deutschland aus der Baukrise führen?
Frau Hubertz, 100 Tage Schonfrist im neuen Amt sind vorbei – die klassische Zeit für eine erste Bilanz. Wie fällt Ihr persönliches Fazit aus?
Verena Hubertz: Die Regierung hat geliefert und in den ersten 100 Tagen bereits viel auf den Weg gebracht – insgesamt 118 Vorhaben, darunter die Haushalte für 2025 und 2026 beschlossen. In meinem Bereich konnten wir mit dem Bau-Turbo ein für die Bauwirtschaft ganz wichtiges Vorhaben umsetzen. Künftig kann so schneller neuer Wohnraum entstehen. Und nach einer Schonfrist hat sich das nicht wirklich angefühlt. Wir haben ja versprochen, Verantwortung zu übernehmen.
Mit Ihrer Aussage, die Baukosten halbieren zu wollen, haben Sie früh für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Kritiker aus der Branche sehen darin eine unrealistische Erwartungshaltung. Was entgegnen Sie diesen Stimmen?
Mit dem Status quo bin ich jedenfalls nicht zufrieden. Wir bauen in Deutschland nicht nur zu wenig, sondern vor allem zu langsam und zu teuer. Baukosten sind ein wichtiger Hebel, um das Bauen attraktiver zu machen. Ich sehe hier viele Möglichkeiten. Das reicht von mehr Digitalisierung für effizientere Planungs- und Bauprozesse über den Einsatz nachwachsender, biobasierter Rohstoffe, etwa Holz, in Kombination mit innovativen Bauweisen. Ganz wichtig ist dabei das serielle, modulare und systemische Bauen. Durch Vorfertigung kann Material, Zeit und Personal eingespart werden. Dadurch kann deutlich schneller und vor allem günstiger gebaut werden. Gebäudetyp E und Bürokratieabbau sind weitere Schlagworte.
Sie selbst bezeichnen das Ziel als „sehr ambitioniert“. Ihre Vorgängerin scheiterte an einem ähnlich ambitionierten Versprechen, nämlich 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr zu schaffen. War Ihre Baukosten-Initiative vielleicht zu forsch – oder bewusst provokant gewählt?
Nein, ich habe damit deutlich gemacht, dass vor allem die hohen Baukosten ein Problem sind. Und da gibt es eben Möglichkeiten, um diese Kosten zu senken, wenn wir den gesamten Prozess des Wohnungsbaus betrachten.
Der Wohnungsbau stagniert. 2024 wurden lediglich rund 250.000 Wohnungen fertiggestellt – aus Ihrer Sicht eine „Vollkatastrophe“. Was muss getan werden, damit sich dies im nächsten Jahr nicht wiederholt?
Es gibt nicht die eine Stellschraube, die man drehen kann. Es sind viele Punkte, die zusammen ihre Wirkung entfalten können. Neben dem Bau-Turbo und der Reduzierung der Baukosten sind auch Investitionen nötig. Deshalb gibt der Bund den Ländern allein in dieser Legislaturperiode 23,5 Milliarden Euro für den sozialen Wohnungsbau. Zudem werden wir die Struktur unserer Neubauförderprogramme vereinfachen, damit Mittel schneller abfließen können. All das wirkt natürlich nicht sofort, aber perspektivisch in den kommenden Jahren.
Gerade in Süddeutschland ist der Wohnungsmarkt extrem angespannt, etwa in den Metropolregionen wie München, Stuttgart oder Frankfurt. Welche gezielten Maßnahmen planen Sie für diese besonders betroffenen Regionen?
Gerade in derart angespannten Wohnungsmärkten ist der soziale Wohnungsbau ein wichtiger Hebel, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Das signalisieren auch die vielen privaten Investoren, die vermehrt in den sozialen Wohnungsbau einsteigen. Mit dem Bau-Turbo vereinfachen wir auch die Planung von Nachverdichtung und Aufstockung im innerstädtischen Bereich.
Viele Kommunen, etwa in Ihrer Heimat in Rheinland-Pfalz, haben mit Leerstand in Ortskernen zu kämpfen, während gleichzeitig am Ortsrand Neubauten entstehen. Kann und muss das Bauministerium da steuernd eingreifen?
Mein Haus hat eine „Handlungsstrategie Leerstandsaktivierung“ herausgegeben, in der dieses Problem analysiert und Gegenmaßnahmen vorgeschlagen werden. Mit “Jung kauft alt” setzen wir zum Beispiel einen Schwerpunkt in der Förderung, indem wir junge Familien beim Kauf alter Gebäude finanziell unterstützen. Für das Sanierungsprogramm stellen wir in den kommenden beiden Jahren jeweils 350 Millionen Euro bereit. Das Bundesbauministerium kann hier aber nicht alleine handeln. Es braucht deshalb die Zusammenarbeit auf vielen Ebenen, um zum Beispiel die Infrastruktur auszubauen, mehr Betreuungsangebote vor Ort zu schaffen und die Innenstädte wiederzubeleben. Dann wird das Wohnen vor Ort auch wieder attraktiv.
Ein großes Thema für die Branche sind Normen und Vorschriften – Stichwort: „Bürokratieabbau“. Wie wollen Sie Planungs- und Genehmigungsverfahren konkret vereinfachen?
Stellen Sie sich vor, Sie könnten bei Genehmigungsprozessen einfach einen Button für 30-fache Geschwindigkeit drücken. Mit dem Bau-Turbo machen wir genau das möglich. Der Knackpunkt ist, dass bei bestimmten Wohnbauvorhaben für die nach geltender Rechtslage ein Bebauungsplan aufzustellen wäre, bald die Zustimmung der Gemeinde ausreicht. Die Neuregelung ermöglicht es, das Planen und Genehmigen wesentlich zu beschleunigen. Das spart Zeit und Kosten.
Nicht alle Normen müssen bei jeder Hausplanung berücksichtigt werden. Trotzdem passiert es oft, dass ein hoher Komfort- und Technikstandard gebaut wird, wo vielleicht auch ein moderater Standard und low-tech zur Erfüllung der Bauherrenwünsche gereicht hätte. Der Gebäudetyp E soll den zwei Vertragspartnern die Entscheidung erleichtern, welchen Standard der Bauherr realisieren will und worauf er verzichten kann. Mit dieser bedarfsorientierten Planung wollen wir erreichen, dass Bauen kostengünstiger und einfacher wird, ohne bei der Sicherheit Abstriche zu machen.
Der GdW kritisiert den Entwurf des Vergabebeschleunigungsgesetzes als bürokratischen Rückschritt, der statt Bauen zu ermöglichen es vielmehr verhindert. Bremst die Initiative das serielle und modulare Bauen aus?
Es gibt auch andere Stimmen aus der Branche, die zu einer anderen Bewertung kommen. Unser Ziel ist es, Bürokratie ab- und nicht aufzubauen. Man kommt in vielen Fällen schon damit sehr gut zurecht, einfach die bestehenden Regelungen anzuwenden und umzusetzen. So ist es auch beim seriellen Bauen. Es kann schon aktuell mit einer entsprechenden Begründung von einer Losvergabe abgewichen werden. Ich kenne eine ganze Reihe von Beispielen, bei denen mit einer Gesamtvergabe Projekte in modularer Bauweise realisiert wurden, zum Beispiel beim Bau von Kitas und Schulen.
Die Digitalisierung im Bauwesen – von der Planung bis zur Verwaltung – kommt schleppend voran. Welche Impulse möchten Sie setzen, um Building Information Modeling (BIM), eVergabe und digitale Bauanträge voranzutreiben?
Ich war vor kurzem erst in Rostock, um mich über den digitalen Bauantrag zu informieren. Das Projekt läuft gut und wer in Deutschland einen digitalen Bauantrag stellen will, kann das in über 60 Prozent der Behörden schon tun. Trotzdem gibt es noch viel zu tun. Dabei denken wir auch nach vorne und überlegen, wie KI oder digitale Assistenten sinnvoll eingesetzt werden können. Die Verfügbarkeit von digitalen Daten ist eine Voraussetzung für die erfolgreiche Anwendung digitaler Methoden. Wir haben im aktuellen Koalitionsvertrag daher das Ziel aufgenommen, BIM zum zentralen Instrument der Digitalisierung des Bauwesens weiterzuentwickeln. Mit der Initiative BIM Deutschland unterstützen wir gemeinsam mit dem Verkehrs- und dem Verteidigungsministerium die Etablierung von BIM in den Bauprojekten des Bundes. Über die eVergabe-Plattform des Bundes wickeln inzwischen über 600 Vergabestellen aus Bund, Ländern und Kommunen ihren Beschaffungsprozess digital ab. Dies hilft besonders auch kleinen und mittleren Unternehmen sowie Start-ups beim Zugang zu öffentlichen Aufträgen. Ein gutes Beispiel für gelungene Digitalisierung.
Viele in der Immobilienwirtschaft wünschen sich mehr Planbarkeit und Verlässlichkeit bei der Förderpolitik. Wie kann das gelingen?
Planbarkeit ist für die Bau- und Immobilienwirtschaft natürlich unerlässlich. Wir haben die Förderung deshalb bereits früh in der Wahlperiode auf feste Füße gestellt. Die Förderprogramme werden mit über elf Milliarden Euro aus dem neuen Sondervermögen gespeist, fest bis zum Ende der Legislatur. Zudem wollen wir die Förderprogramme perspektivisch vereinfachen: Ein Programm für den Neubau, ein Programm für die Sanierung. Damit wird die Förderung unbürokratischer und Mittel können schneller abfließen.
(Bildquelle: Bundesregierung, Steffen Kugler)
