In unserer Interview-Reihe „Im Fokus“ verraten Fachleute der Wohnungswirtschaft, was die Branche wirklich bewegt. In dieser Ausgabe spricht Prof. Dr.-Ing. Christina Simon-Philipp, Professorin für Stadtplanung und Städtebau an der Fakultät für Architektur und Gestaltung der Hochschule für Technik Stuttgart, über nachhaltige Stadtentwicklung und wie sich Stadtplanung sowie Ansprüche und Bedürfnisse von Mieterinnen und Mietern über die letzten Jahrzehnte verändert haben.
Wenn wir auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblicken – wie hat sich Stadtentwicklung und -planung in Deutschland grundsätzlich verändert?
Die klassische Nachkriegsplanung war stark funktional geprägt: getrennte Zonen für Wohnen, Arbeiten und Verkehr, teilweise mit großer Effizienz, aber oft auf Kosten von Vielfalt und Stadtkohärenz. Mit dem Städtebauförderungsgesetz 1971, der Sitzung des Deutschen Städtetags in München 1971 unter dem Motto „Rettet unsere Städte jetzt“, der Ölkrise 1973 und dem Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 setzte sukzessive ein Umdenken und schließlich ein Paradigmenwechsel ein: die Rückkehr zur gemischten Nutzung, die Sensibilisierung für Denkmalpflege und Identität, sowie die Einbeziehung von Bürgerbeteiligung in Planungsprozesse. Parallel entwickelte sich die Idee der nachhaltigen Stadt, die ökologische, ökonomische und soziale Ziele integriert.
In jüngerer Zeit sind mehrere Trends hinzugekommen, die die Planung tiefgreifend verändern. Die Klimakrise zwingt zur radikalen Neubewertung von Energie, Grüninfrastruktur und Wasserhaushalt; die Mobilitätswende beeinflusst die Anforderungen an Straßenraum, Parken und Nahversorgung; die Digitalisierung verändert Verwaltung, Planungswerkzeuge und Arbeitsformen in der Stadt. Außerdem ist Planung partizipativer geworden, die Rolle der Zivilgesellschaft, lokaler Initiativen und Nachbarschaftsakteure ist gewachsen, was die Planungskommunikation und -akzeptanz verändert.
Zudem ist Planung komplexer und fragiler geworden: Mehr Akteure, höhere Erwartungen und knappe Ressourcen machen Zielkonflikte sichtbarer. Die Herausforderung besteht darin, integrierte, adaptive Planungsprozesse zu etablieren, die kurzfristige Bedürfnisse und langfristige Zielsetzungen zusammenführen.
Warum ist Stadtentwicklung für die Lebensqualität der Menschen und die Funktionsfähigkeit unserer Gesellschaft so entscheidend und welche Faktoren prägen Urbanisierungsprozesse am stärksten?
Stadtentwicklung ist nicht nur räumliche Steuerung; sie ist die praktische Umsetzung unserer gesellschaftlichen Prioritäten in Raum. Deshalb beeinflusst Stadtentwicklung direkt die Lebensqualität und die Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft. Eine gute Stadtentwicklung schafft Zugänge zu Bildung und Arbeit, minimiert Umweltbelastungen, ermöglicht Teilhabe und stärkt Resilienz gegenüber Krisen.
Die wichtigsten Triebkräfte von Stadtwandel sind demografische Veränderungen, ökonomische Faktoren, technologische Entwicklungen, ökologische Herausforderungen sowie politische und gesetzliche Rahmenbedingungen. Heute sind wir mit komplexen Fragen der Umbaukultur konfrontiert und die Fähigkeit, flexibel auf Strukturbrüche zu reagieren, wird entscheidend sein.
Familienstrukturen, Lebensweisen und die Mobilität in unserer Gesellschaft haben sich ebenfalls stark verändert. Wie haben sich diese Entwicklungen auf die Stadtplanung und das Wohnen ausgewirkt?
Die Diversifizierung von Lebensformen — mehr Singles, ältere Alleinlebende, Patchwork-Familien, unterschiedlichste Wohnbiographien — hat direkte räumliche Folgen. Wohnungen müssen heute flexibler nutzbar sein: variable Grundrisse, optional nutzbare Räume, barrierefreie Standards, Kombinationsmöglichkeiten für Mehrgenerationenwohnen. Innerstädtische Nachverdichtung und kleinere, qualitativ hochwertige Wohneinheiten sind stärker gefragt.
Das Mobilitätsverhalten verändert sich ebenfalls. Car-Sharing, intensivere Nutzung des ÖPNV, Fahrradmobilität und Homeoffice verändern klassische Pendelbewegungen, bringen aber neue Anforderungen an Quartiersinfrastruktur. Homeoffice etwa erhöht die Bedeutung von Wohnraumqualität und von Freiflächen in der Nachbarschaft, weil der Wohnort zugleich Arbeitsort wird.
Für die Stadtplanung heißt das: mehr Mixed-Use und Angebotsvielfalt auf Quartiersebene, Integration von Mobilitätsinfrastruktur in den Wohnungsbau und stärkeres Augenmerk auf soziale Infrastruktur wie Kitas, Schulen oder Nachbarschaftszentren.
Architektur und Bauweisen haben sich ebenso gewandelt wie die Ansprüche und Bedürfnisse von Mieterinnen und Mietern. Welche Entwicklungen sind aus Ihrer Sicht besonders prägend?
Architektur und Bauweisen haben sich von standardisierten, oft monotonen Typologien zu kontextbezogenen Entwürfen entwickelt. Wichtige technische und ideelle Trends sind dabei: Energieeffizienz, Nutzung nachhaltiger Baustoffe, Vorfertigung und modulare Bauweisen zur Verkürzung von Bauzeiten sowie Kreislaufwirtschaft im Bausektor.
Aufseiten der Nutzerinnen und Nutzer sind zwei Aspekte zentral. Zum einen die Nachfrage nach Wohnqualität und Flexibilität: bessere Raumaufteilung, funktionale Balkone und Terrassen, Stauraum, trockene Fahrradstellplätze, gute Belichtung. Zum anderen steigen Erwartungen an den kommunikativen und gemeinschaftlichen Wert von Wohnprojekten: Gemeinschaftsräume, Nachbarschaftsflächen, Urban Gardening, Werkstätten und so weiter. Ein weiterer Aspekt ist die Nachfrage nach Nachhaltigkeit und Transparenz. Mieterinnen und Mieter fragen nach Energiekosten, CO2-Fußabdruck und Renovierungsstrategie. Das verändert die Kommunikation zwischen Vermieter und Mieter: Transparente Informationen und Mitgestaltungsmöglichkeiten werden wichtiger.
Wohnen bedeutet auch Nachbarschaft, Gemeinschaft und Teilhabe. Welche Rolle spielt das soziale Miteinander für die Stadtplanung der Zukunft?
Nachbarschaft ist der Ort, an dem sozialer Zusammenhalt entsteht; sie wirkt präventiv gegen Einsamkeit, stärkt informelle Hilfe und unterstützt Resilienz in Krisen. Stadtplanung kann durch die Gestaltung von Orten der Begegnung, die Mischung von Funktionen und zeitliche Nutzungsmischung von öffentlichen Räumen gute Rahmenbedingungen schaffen. Planung kann Bedingungen schaffen, aber gelingende Nachbarschaft braucht Nutzerinnen und Nutzer, Initiativen und häufig auch eine Moderationsphase. Deshalb sind Partizipation und die Ermöglichung von Nachbarschaftsinitiativen so wichtig: Räume für Initiativen, Förderbudgets für lokale Projekte, Unterstützung in der Nachbarschaftsorganisation. Für die Zukunft erwarte ich ein stärkeres Zusammenspiel von räumlicher Gestaltung und sozialem Management. Wohnungsunternehmen, Kommunen und andere Akteure werden vermehrt Dienstleistungen und Angebote bereitstellen müssen, zum Beispiel Nachbarschaftsmanagement, niedrigschwellige Veranstaltungsformate oder generationsübergreifende Angebote, damit geteilte Räume auch tatsächlich genutzt werden.
Wie werden Städte und Quartiere in den kommenden 25 bis 50 Jahren aussehen und welche Trends sind dabei von besonderer Bedeutung?
Wenn ich 25 bis 50 Jahre vorausblicke, ergeben sich mehrere zusammenwirkende Trends: Verdichtung bei gleichzeitiger Aufwertung der Grünstruktur; stärkere Integration von Energie- und Mobilitätssystemen auf Quartiersebene; Digitalisierung zur Unterstützung von Dienstleistungen und ein Fokus auf Anpassungsfähigkeit gegenüber Klimaereignissen.
Quartiere werden wahrscheinlich multifunktionaler. Wohnen, Arbeiten, Versorgung und Freizeit sind enger verzahnt. Die Infrastruktur wird lokaler, mehr Nahversorgungsangebote, lokale Energieerzeugung und -speicherung, Nachbarschaftsangebote für ältere Menschen. Mobilität wird vernetzter, mehr Raum für Fußverkehr, Fahrradinfrastruktur, Ladezonen für Shared-Mobility.
Ein wichtiger Trend ist soziale Resilienz. Städte müssen sozial inklusiver werden, um Fragmentierung zu vermeiden. Und die Material- und Energieeffizienz des Bauens wird enorm an Bedeutung gewinnen. Kreislaufwirtschaft, Wiederverwendung von Baumaterialien und modulare Konzepte werden Standard sein müssen, um Ressourcen nachhaltig zu nutzen.
Bildnachweis: Prof. Dr.-Ing. Christina Simon-Philipp
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