20.04.2026

„Energiebeschaffung ist heute strategischer denn je“

In unserer Interview-Reihe „Im Fokus“ verraten Fachleute der Wohnungswirtschaft, was die Branche wirklich bewegt. In dieser Ausgabe erklärt Dr. Alexander Conreder, Leitung Wohnungswirtschaft bei der EnBW, welche Modelle sich bei der Energiebeschaffung bewähren, wo Risiken liegen und warum eine ausgewogene Strategie für Wohnungsunternehmen und Immobilienverwaltung entscheidend ist.

Steigende geopolitische Spannungen, insbesondere durch den anhaltenden Nahostkonflikt und die Eskalation rund um den Iran, sorgen erneut für Unsicherheit an den Energiemärkten. Für Wohnungsunternehmen und Immobilienverwaltungen bedeutet das: Beschaffungsstrategien müssen heute noch bewusster gewählt werden als noch vor einem Jahr.

imo-news: Herr Dr. Conreder, die Energiepreise sind zuletzt wieder deutlich volatiler geworden. Wie bewerten Sie die aktuelle Marktsituation?

Nachdem sich die Energiemärkte im Zuge der Ukraine-Krise zuletzt etwas stabilisiert hatten, erleben wir aktuell wieder eine deutliche Gegenbewegung. Die jüngsten geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten – insbesondere im Zusammenhang mit dem Iran – haben innerhalb kurzer Zeit zu spürbaren Preisanstiegen bei Gas und Öl geführt. Vor allem am Spotmarkt sehen wir derzeit eine hohe Dynamik, während sich langfristige Beschaffungspreise bislang deutlich moderater entwickeln. Das zeigt: Der Markt ist zwar nervös, geht derzeit aber nicht von einer dauerhaft angespannten Versorgungslage aus.

Wie sollten sich Wohnungsunternehmen und Verwaltungen vor diesem Hintergrund aktuell positionieren?

Die Situation hat sich seit Herbst deutlich verändert. Die geopolitischen Entwicklungen wirken sich unmittelbar auf die Energiemärkte aus – insbesondere auf Gaspreise, aber auch indirekt auf Strom. Für Wohnungsunternehmen bedeutet das: Ruhe bewahren, die Situation aufmerksam beobachten und Beschaffungsentscheidungen nicht aus kurzfristigen Marktbewegungen heraus treffen, sondern strategisch fundiert angehen.

Welches Risiko sehen Sie aktuell für die Unternehmen?

Ein erhöhtes Risiko besteht vor allem für Unternehmen, die von klassischen Privatkundentarifen in sogenannte B2B-Produkte gewechselt sind. Klassische Privatkundentarife enthalten Bruttopreise inklusive aller Umlagen und sind nach der Erstvertragslaufzeit monatlich kündbar. Zudem gibt es keine Preisaufschläge bei Minder- oder Mehrverbrauch, etwa im Rahmen einer Sanierung. Ein wesentlicher Vorteil dieses Tariftyps liegt darin, dass der Preis nicht von einem einzelnen Beschaffungszeitpunkt abhängt. Die aktuell bezogene Energiemenge wurde – beispielsweise bei der EnBW – über mehr als 100 Zeitpunkte in den vergangenen Jahren beschafft. Dadurch werden kurzfristige Preissprünge wie aktuell abgefedert. Anpassungen erfolgen nur, wenn sich Energiepreise, Steuern oder Umlagen über einen längeren Zeitraum verändern. Diese Anpassungen sind reguliert und mit einem Sonderkündigungsrecht verbunden. Bei B2B-Produkten wird branchenweit häufig mit Laufzeitverträgen gearbeitet. Dabei wird eine definierte Energiemenge mit einem Toleranzband für eine feste Laufzeit beschafft – bei WEG-Verwaltungen in der Regel zwei Jahre, bei Eigenbeständen auch länger. Häufig wird dabei lediglich ein Netto-Energiepreis festgelegt, also ohne Umlagen, Steuern und Netzentgelte. Das Risiko liegt darin, dass diese Verträge meist nur einen einzigen Beschaffungszeitpunkt haben. Während Unternehmen mit klassischen Privatkundentarifen aktuell relativ stabil aufgestellt sind, müssen Unternehmen mit auslaufenden Laufzeitverträgen entscheiden, wann sie ihre Mengen neu beschaffen. Eine pauschale Lösung gibt es hierfür nicht. Wer nur zu einem Zeitpunkt beschafft, hängt direkt von der Börsenpreisentwicklung ab. Das ist immer eine Wette auf den richtigen Zeitpunkt – und in einem volatilen Markt besonders riskant.

Wie sollen Unternehmen nun mit diesem Risiko umgehen?

Ein zentrales Problem ist, dass sich viele erst mit Risiken beschäftigen, wenn diese bereits eingetreten sind. Ein anschaulicher Vergleich ist die Autoversicherung: Eine Teilkasko ist günstiger als eine Vollkasko – allerdings trägt man dann auch einen Teil des Risikos selbst. Eine vergleichbare Aufklärung erfolgt bei Tarifwechseln im Energiemarkt leider nicht immer ausreichend. Hinzu kommt, dass einige Anbieter oder Makler ausschließlich B2B-Produkte anbieten. Für WEG-Verwalter empfiehlt es sich daher, einen möglichen Tarifwechsel gemeinsam mit der Eigentümergemeinschaft abzustimmen. Denn sowohl Einsparungen als auch mögliche Mehrkosten betreffen letztlich die WEG.

Sind die klassischen Privatkundentarife vor diesem Hintergrund wieder im Vorteil?

Für viele Kunden ja. Während der Erstvertragslaufzeit besteht eine Preisgarantie, zusätzlich wirkt der langfristige Beschaffungshorizont stabilisierend und federt Preissprünge ab. Auch Mengenrisiken sind vollständig abgedeckt. Gerade in einem Marktumfeld mit geopolitischen Unsicherheiten ist diese Stabilität ein wichtiger Faktor. Sie schützt vor unerwarteten Mehrkosten und erleichtert die Budgetplanung. Wer Risiken selbst übernimmt, kann langfristig zwar sparen – vorausgesetzt, es gelingt, Nachbeschaffungen in Hochpreisphasen zu vermeiden. Entscheidend ist daher, dass die Wahl eines risikoreicheren Tariftyps eine bewusste und informierte Entscheidung ist.

Welche Rolle spielen neue dynamische oder zeitvariable Tarifmodelle?

Die Tariflandschaft entwickelt sich weiter – nicht nur durch neue Tarifmodelle, sondern auch durch neue Netzentgeltstrukturen. Diese können Chancen bieten, erfordern jedoch ein gutes Verständnis und ein aktives Management. Für die Wohnungswirtschaft gilt: Solche Modelle sollten gezielt und ergänzend eingesetzt werden, nicht als alleinige Lösung. Eine Kombination verschiedener Ansätze – abhängig von Objekt und Kundenstruktur – ist häufig sinnvoll.

Was ist Ihr zentrales Fazit für die Wohnungswirtschaft im Jahr 2026?

Für Unternehmen, die aktuell B2B-Tarife nutzen, ist ein sofortiger Wechsel zurück in Privatkundentarife meist keine kurzfristige Lösung. Für die Erstvertragslaufzeit muss auch dort die gesamte Energiemenge neu beschafft werden, sodass zunächst vergleichbare Marktpreise gelten. Perspektivisch kann dies jedoch eine Option sein. Wichtig ist, die Marktlage kontinuierlich zu beobachten und den bestmöglichen Beschaffungszeitpunkt zu wählen. Gleichzeitig sollte man sich auf kurze Bindefristen einstellen – teilweise nur 15 Minuten, manchmal zwei bis vier Stunden. Das kann zusätzliche Preisaufschläge reduzieren. Auch ein direkter Preisvergleich und eine Beschaffung ohne Zwischenvermittler können helfen, zusätzliche Kosten, etwa für Provisionen, zu vermeiden. Für Unternehmen mit klassischen Privatkundentarifen ist es wichtig, anstehende Preisanpassungen im Blick zu behalten. Je nach Lieferant unterscheiden sich die Beschaffungshorizonte erheblich. Bei kurzen Horizonten kann die Preisentwicklung stärker ausfallen als bei langfristig geglätteten Modellen. Grundsätzlich gilt heute mehr denn je: Eine fundierte Beratung ist entscheidend. Die Angebotsvielfalt ist gewachsen, gleichzeitig aber auch komplexer geworden. Modelle, die auf den ersten Blick günstig erscheinen, können Risiken enthalten, die erst später sichtbar werden. Unsere Empfehlung lautet daher: Angebote nicht allein über den Preis vergleichen, sondern genau prüfen, welche Leistungen enthalten sind – insbesondere im Hinblick auf Risikoabsicherung, Flexibilität und Abrechnungslogik.

Sie möchten Ihre aktuelle Beschaffungsstrategie überprüfen oder sich zur aktuellen Marktentwicklung und passenden Tarifmodellen beraten lassen? Dann schreiben Sie einfach eine E-Mail an immoplus@enbw.com.

Bildnachweis: wowiconsult GmbH

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