In unserer Interview-Reihe „Im Fokus“ verraten Fachleute der Wohnungswirtschaft, was die Branche wirklich bewegt. Dieses Mal erläutert Dr. Waldemar Müller, Geschäftsführer der wowiconsult GmbH, warum die Dekarbonisierung zur Überlebensfrage der Branche wird und wie Wohnungsunternehmen durch geeignete Softwarelösungen ihre Bestände zukunftsfähig aufstellen können.
imo-news: Herr Dr. Müller, beim Thema Dekarbonisierung der Bestände hat man den Eindruck, dass es im vergangenen Jahr etwas an Priorität verloren hat. Warum sollten sich Wohnungsunternehmen dennoch intensiv damit beschäftigen – gerade auch vor dem Hintergrund aktueller geopolitischer Entwicklungen wie dem Irankrieg?
Dr. Waldemar Müller: Es stimmt, dass andere Themen – etwa der politische Fokus auf den „Bau-Turbo“ – zuletzt stärker im Vordergrund standen. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Entwicklungen auf den Energiemärkten, verstärkt durch geopolitische Konflikte wie den Irankrieg, sehr deutlich: Dekarbonisierung ist keine langfristige Vision mehr, sondern eine akute wirtschaftliche Notwendigkeit.
Steigende Preise für Öl und Gas treffen die Wohnungswirtschaft unmittelbar – und sie werden kein temporäres Phänomen bleiben. Wer heute nicht handelt, wird in den kommenden Jahren strukturelle Nachteile haben. Dekarbonisierung ist damit nicht nur eine Frage der Klimapolitik, sondern eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftlichen Stabilität.
Unabhängig davon bleibt das übergeordnete Ziel bestehen: Deutschland will bis 2045 klimaneutral sein. Für die Branche bedeutet das, dass der Gebäudebestand konsequent weiterentwickelt werden muss. Wer Energieverbräuche senkt, reduziert Emissionen – und macht sich gleichzeitig unabhängiger von externen Einflüssen und volatilen Märkten.
Was bietet Ihre Software konkret, um Wohnungsunternehmen bei der Dekarbonisierung ihrer Bestände zu unterstützen?
Der entscheidende Hebel liegt in der intelligenten Nutzung von Daten. Viele Wohnungsunternehmen verfügen bereits über umfangreiche Informationen – etwa zu Energieverbräuchen, Gebäudestrukturen oder Kosten. Diese Daten sind jedoch häufig nicht miteinander verknüpft und bleiben damit unter ihren Möglichkeit
Unsere technischen ERP-Systeme führen diese Informationen in einer zentralen Plattform zusammen und schaffen so erstmals eine belastbare Entscheidungsgrundlage. Unternehmen können ihre Bestände systematisch analysieren, CO₂-Emissionen transparent machen und konkrete Maßnahmen ableiten.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Steuerungsfähigkeit: Durch die Simulation verschiedener Sanierungsszenarien wird sichtbar, welche Maßnahmen welchen Effekt auf Energieverbrauch, CO₂-Ausstoß und Wirtschaftlichkeit haben. Das schafft Klarheit in einer Phase, in der viele Unternehmen vor großen Investitionsentscheidungen stehen – und genau diese Klarheit ist heute der entscheidende Erfolgsfaktor.
Sie bieten seit Kurzem auch eine Cloud-Lösung an. Was verbirgt sich dahinter?
Die Funktionalität unserer Lösungen wie mevivo und mevivoECO ist grundsätzlich bekannt – der eigentliche Fortschritt liegt darin, dass wir diese nun konsequent als Cloudlösung anbieten.
Der Vorteil ist vor allem struktureller Natur: Daten liegen nicht mehr in einzelnen Systemen oder Abteilungen, sondern werden zentral gebündelt und sind jederzeit aktuell verfügbar. Damit entsteht erstmals eine einheitliche Datenbasis über den gesamten Bestand hinweg – und genau das ist die Voraussetzung für echte Steuerung.
Hinzu kommt die Geschwindigkeit: Neue Daten aus Energiemonitoring oder Gebäudebetrieb fließen kontinuierlich ein und können sofort ausgewertet werden. Entscheidungen basieren damit nicht mehr auf Annahmen oder Einzelwerten, sondern auf aktuellen, konsistenten Daten.
Auch im Betrieb verändert die Cloud die Logik deutlich. Updates, Wartung und Datensicherheit werden zentral gesteuert, der interne Aufwand sinkt spürbar. Gleichzeitig ist der Zugriff ortsunabhängig möglich – ein klarer Vorteil für dezentrale Strukturen.
Kurz gesagt: Die Cloud hebt die Nutzung der bestehenden Systeme auf ein neues Niveau – von punktueller Auswertung hin zu einer durchgängigen, skalierbaren Steuerung des gesamten Bestands. Sie bildet die Basis für unsere integrierten KI-Agenten und wird auf Cloud-Servern in Deutschland und der EU betrieben.
Abschließend gefragt: Was erhoffen Sie sich von der Politik?
Die Wohnungswirtschaft ist bereit, ihren Beitrag zur Klimaneutralität zu leisten – und auch die notwendigen Investitionen zu tätigen. Was aktuell fehlt, ist jedoch ein verlässlicher Rahmen.
In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Regelungen auf den Weg gebracht, häufig kurzfristig, teilweise widersprüchlich und nicht selten mit erheblichem Nachbesserungsbedarf. Das führt in der Praxis nicht zu mehr Tempo, sondern zu Zurückhaltung bei Investitionen.
Gerade bei einem Transformationsprozess, der über Jahrzehnte angelegt ist, braucht es Planungssicherheit. Unternehmen müssen wissen, worauf sie sich verlassen können – nicht nur für ein Jahr, sondern für die nächsten zehn.
Mein Eindruck ist daher klar: Die Branche hat kein Umsetzungsproblem. Sie hat ein Klarheitsproblem. Wenn die Politik hier verlässliche Leitplanken setzt, wird die Wohnungswirtschaft die Dekarbonisierung deutlich schneller und effizienter vorantreiben, als es aktuell möglich ist.
Übrigens: Die hoffentlich nur vorgesehene Bundeswohnbaugesellschaft würde mit Sicherheit nicht mehr und günstiger Wohnungen bauen können als kommunale Wohnungsunternehmen, Wohnungsgenossenschaften und Gesellschaften anderer Träger. Frei nach dem Motto: Was kann der Staat besser als Unternehmer? Nichts.
Bildnachweis: wowiconsult GmbH
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