In unserer Interview-Reihe „Im Fokus“ verraten Fachleute der Wohnungswirtschaft, was die Branche wirklich bewegt. In dieser Ausgabe erläutert Sylvie Ries, Bereichsleitung Unternehmensentwicklung bei METRONA München, warum energetische Sanierungen trotz steigendem Sanierungsdruck, verfügbarer Technologien und bestehender Förderprogramme oft nur langsam vorankommen.
Frau Ries, die Branche diskutiert beim Thema Sanierung intensiv über Regulierung, Förderprogramme und technische Lösungen. Wo sehen Sie derzeit die größte strategische Herausforderung für Immobilienbetreiber?
Technische Optionen gibt es inzwischen viele. Die größere Unsicherheit liegt derzeit weniger auf der technischen als auf der regulatorischen Ebene. Ziele, Vorgaben und Instrumente sind in Bewegung. Das zeigt sich aktuell am angekündigten Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG), das das bisherige Gebäudeenergiegesetz (GEG) ablösen soll. Die veröffentlichten Eckpunkte bestätigen zwar zentrale Förderprogramme, erhöhen die Technologieoffenheit bei der Wahl der Heizsysteme, lassen aber wesentliche Details der Ausgestaltung noch offen.
Für Immobilienbetreiber bedeutet das: Sie müssen für ihren konkreten Wohnungsbestand eine wirtschaftlich und sozial tragfähige Lösung finden – obwohl sich der regulatorische Rahmen noch weiterentwickelt. Ein Gebäude aus den 1960er-Jahren mit heterogener Mieterstruktur stellt dabei andere Anforderungen als ein weitgehend modernisiertes Quartier. Viele Unternehmen haben Daten, aber sie tun sich schwer, daraus konkrete Prioritäten abzuleiten – also zu entscheiden, welche Maßnahme tatsächlich Wirkung entfaltet und finanzierbar bleibt.
Woran liegt es, dass trotz wachsender Datenbasis strategische Entscheidungen oft schwerfallen?
Daten allein schaffen noch keine Klarheit. In vielen Unternehmen liegen Daten über Verbrauch, Abrechnungsinformationen oder technische Kennzahlen vor. Doch häufig fehlt die systematische Auswertung: Welche Gebäude weichen besonders stark vom Durchschnitt ab? Wo ist der Verbrauch strukturell bedingt – und wo verhaltensbedingt? Und welche Maßnahme würde unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten tatsächlich Wirkung entfalten?
Ohne diese Analyse bleiben Daten reine Zahlen. Erst wenn sie Prioritäten sichtbar machen, werden sie zum Steuerungsinstrument.
In der öffentlichen Debatte dominieren technische Lösungen. Wird das Thema damit verkürzt?
Teilweise ja. Technik ist wichtig, aber sie ist nicht der Engpass für die Umsetzung im Bestand. Die eigentlichen Herausforderungen liegen häufig in der Priorisierung und in der Frage, wie unterschiedliche Ziele miteinander vereinbart werden können. Wer ein Gebäude energetisch optimieren will, muss Wirtschaftlichkeit, soziale Verträglichkeit und regulatorische Anforderungen gleichzeitig im Blick behalten. Eine einzelne Maßnahme reicht dafür selten aus. Entscheidend ist eine schrittweise, klar priorisierte Vorgehensweise.
Welche Zielkonflikte beobachten Sie besonders häufig?
Ein klassischer Zielkonflikt besteht zwischen kurzfristiger Kostenstabilität und langfristiger Klimastrategie. Investitionen müssen sich rechnen, gleichzeitig steigt der Druck zur CO₂-Reduktion. Hinzu kommt der Anspruch, Nebenkosten für Bewohnerinnen und Bewohner bezahlbar zu halten.
Wer hier isoliert auf nur eine Dimension schaut – etwa ausschließlich auf CO₂-Einsparung oder nur auf Investitionskosten –, riskiert an anderer Stelle neue Probleme. Strategische Entscheidungen müssen deshalb Kosten, energetische Wirkung und soziale Verträglichkeit gemeinsam in den Blick nehmen.
Welche Rolle spielen dabei Dienstleister wie METRONA München?
Die Rolle von Messdienstleistern insgesamt hat sich verändert. Messdaten waren lange vor allem Grundlage für Abrechnungen. Heute werden sie zunehmend zur Basis strategischer Entscheidungen im Wohnungsbestand. Damit steigt auch die Erwartung, Daten nicht nur bereitzustellen, sondern sie einzuordnen und verständlich zu machen.
In einem Umfeld mit regulatorischen Veränderungen und wirtschaftlicher Unsicherheit wird diese Interpretationsfähigkeit zu einem entscheidenden Mehrwert.
METRONA München hat jüngst die Kampagne „MehrWerte“ vorgestellt. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?
Die Anforderungen an Immobilienbetreiber sind komplexer geworden – wirtschaftlich, regulatorisch und mit Blick auf Klimaziele. Wenn wir Mehrwerte versprechen, meinen wir deshalb zusätzlichen Nutzen: etwa transparentere Entscheidungsgrundlagen aufgrund unserer Datenkompetenz, Prozessoptimierungen und Digitalisierung als Basis für Werterhalt und Zukunftssicherheit.
Aus unserer Sicht entsteht echter Mehrwert dort, wo Informationen helfen, bessere Prioritäten zu setzen. Daten allein reichen nicht aus – entscheidend ist, sie so aufzubereiten, dass sie Investitionsentscheidungen fundierter und nachvollziehbarer machen. Gerade in einem Umfeld, das sich regulatorisch im Wandel befindet, gewinnt diese Qualität an Bedeutung.
Was würden Sie Immobilienbetreiberinnen und Immobilienbetreibern empfehlen, die aktuell vor einer Vielzahl von Handlungsoptionen stehen?
Zunächst sollten sie die eigene Ausgangslage systematisch bewerten – und zwar nicht nur energetisch, sondern auch wirtschaftlich und organisatorisch. Konkret heißt das: Welche Gebäude weisen den höchsten Verbrauch auf? Wo stehen in den nächsten Jahren ohnehin Investitionen an? Und welche Maßnahmen lassen sich mit vertretbarem Aufwand umsetzen?
Auf dieser Basis entsteht eine realistische Reihenfolge. Nicht jedes energetisch schwache Gebäude muss automatisch zuerst saniert werden. Entscheidend ist, wo Wirkung, Finanzierbarkeit und Umsetzbarkeit zusammenkommen. Wer so vorgeht, vermeidet Aktionismus – und reduziert das Risiko von Fehlinvestitionen. Denn – nur Gebäude mit hoher Energieeffizienz und transparenter Verbrauchserfassung werden wirtschaftlich und regulatorisch im Vorteil sein.
Bildnachweis: METRONA München
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