Zwischen Bau-Turbo, Regulierungsdruck und Klimazielen: GdW-Präsident Axel Gedaschko vertritt rund 3.000 kommunale Wohnungsunternehmen und Genossenschaften im gesamten Land. Wie blickt er auf die Branche im Süden?
Herr Gedaschko, mit welchen drei Stichworten würden Sie die aktuelle Lage der Wohnungswirtschaft in Deutschland beschreiben?
Anspannung, Investitionswille und Verantwortung. Die Branche steht wirtschaftlich unter Druck wie lange nicht, gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Erwartungsdruck. Unsere Unternehmen müssen bezahlbaren Wohnraum schaffen, Klimaziele erfüllen und soziale Stabilität sichern, unter immer schwierigeren Rahmenbedingungen.
Viele Ihrer Mitgliedsunternehmen berichten von massiven Hürden: gestiegene Baukosten, hohe Zinsen, zunehmende Regulierungsdichte. Wie wirkt sich das auf die Investitionsbereitschaft der sozial orientierten Wohnungswirtschaft aus?
Die Kombination aus Baukostensteigerungen, Zinswende und regulatorischer Verdichtung führt dazu, dass Investitionen verschoben oder ganz gestrichen werden. Sozial orientierte Unternehmen wirtschaften mit begrenzten Renditen. Wenn Projekte nicht mehr tragfähig kalkulierbar sind, wird weniger gebaut und weniger modernisiert. Das verschärft den Wohnungsmangel weiter.
Laut der aktuellen Pestel-Studie fehlen bundesweit rund 1,4 Millionen Wohnungen, alleine in Bayern fehlen über 230.000 Wohnungen, in Baden-Württemberg rund 200.000. Wie bekommen wir die Wohnungsnot endlich in den Griff?
Wir brauchen einen echten Bau-Turbo: schnellere Genehmigungen, weniger Standards, verlässliche Förderung und günstigere Finanzierung. Zudem müssen Grundstücke schneller und günstiger mobilisiert werden. Serielles und modulares Bauen kann helfen, Kosten und Zeit zu reduzieren. Gleichzeitig zeigen aktuelle Bevölkerungsprognosen: Unsere Bevölkerung schrumpft durch gesunkene Zuwanderung perspektivisch. Der bundesweite Nachholbedarf liegt daher eher bei um die 800.000 Wohnungen. Das ist aber immer noch viel, deshalb ist Tempo notwendig.
In Baden-Württemberg entstehen derzeit neue Bundeswehr-Wohnanlagen ohne aufwendige Genehmigungsverfahren – begründet mit „überragendem öffentlichen Interesse“. Sollte dieser Maßstab nicht auch für den zivilen Wohnungsbau gelten?
Absolut. Wohnen ist ein zentrales gesellschaftliches Gut. Wenn wir anerkennen, dass bezahlbarer Wohnraum für soziale Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung unverzichtbar ist, muss auch hier das öffentliche Interesse stärker gewichtet werden. Planungs- und Genehmigungsverfahren gehören deutlich beschleunigt.
Bundesbauministerin Verena Hubertz hat angekündigt, die Baukosten halbieren zu wollen. Wie bewerten Sie diesen Vorstoß – als wichtiges Signal oder als realitätsferne Erwartung?
Das Ziel, Baukosten deutlich zu senken, ist richtig und notwendig. Eine Halbierung ist jedoch in absehbarer Zeit kaum realistisch. Entscheidend ist, systematisch an den Kostentreibern zu arbeiten: Normen überprüfen, technische Standards flexibilisieren, Genehmigungen beschleunigen und Skaleneffekte ermöglichen. Symbolische Ankündigungen reichen nicht.
In der letzten imo-Ausgabe verwies Frau Hubertz auf erfolgreiche Gesamtvergaben bei modularen Bauprojekten – als Reaktion auf Ihre Kritik am Vergabebeschleunigungsgesetz. Bleiben Sie bei Ihrer Position?
Ja. Wir unterstützen innovative Vergabemodelle und serielle Verfahren ausdrücklich. Aber sie dürfen nicht durch komplexe rechtliche Vorgaben ausgebremst werden. Entscheidend ist, dass die sozial orientierten Wohnungsunternehmen handlungsfähig bleiben und pragmatische Lösungen rechtssicher anwenden können.
Knapp ein Jahr nach Amtsantritt: Wie fällt Ihre Zwischenbilanz zur wohnungspolitischen Arbeit der schwarz-roten Bundesregierung und Ministerin Hubertz aus?
Es gibt einige positive Signale, etwa beim Bürokratieabbau und teilweise bei der Förderung. Gleichzeitig fehlen bislang die durchgreifenden Strukturreformen. Die Neubauzahlen bleiben weit hinter dem Bedarf zurück. Wir brauchen jetzt konsequente Umsetzung statt weiterer Ankündigungen.
Mit Blick auf die Landtagswahlen – etwa in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – und angesichts hoher Zustimmungswerte für die AfD: Welche Empfehlung geben Sie Ihren Mitgliedsunternehmen im Umgang mit politischen Akteuren aus diesem Spektrum?
Wohnungsunternehmen sind dem Gemeinwohl verpflichtet. Sie sollten klar für demokratische Grundwerte, Vielfalt und sozialen Zusammenhalt stehen. Gleichzeitig gilt: Sachliche, faktenbasierte Kommunikation ist entscheidend. Wohnen darf nicht zum Spielball ideologischer Auseinandersetzungen werden.
Die Wohnungswirtschaft ist längst nicht mehr nur Vermieterin, sondern auch Partnerin in den Bereichen Quartiersentwicklung, Energiewende, soziale Integration und Digitalisierung. Wird dieses Potenzial aus Ihrer Sicht ausreichend erkannt?
Noch nicht ausreichend. Unsere Unternehmen investieren in Nahwärmenetze, soziale Infrastruktur und digitale Lösungen. Sie stabilisieren Quartiere und übernehmen Verantwortung weit über die Vermietung hinaus. Dieses Engagement muss politisch stärker unterstützt und regulatorisch ermöglicht werden.
Bezahlbarer Neubau ist ohne kommunale Rückendeckung kaum noch realisierbar. Welche Modelle der Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Wohnungsunternehmen haben sich bewährt, und wo sehen Sie noch Potenzial?
Erfolgreich sind Partnerschaften mit klarer Rollenverteilung: Kommunen stellen Grundstücke bereit oder beteiligen sich an Infrastruktur, Unternehmen übernehmen Planung und Betrieb. Konzeptvergaben beispielsweise bieten großes Potenzial. Und das insbesondere, wenn Prozesse früh abgestimmt werden.
Aktuell können viele kommunale und insbesondere genossenschaftliche Wohnungsunternehmen ihr 75, 100. oder sogar 125. Gründungsjubiläum feiern. Das spricht für sich. Aber worin sehen Sie ihre besondere Leistung bzw. Funktion für das Wohnungswesen?
Die Stärke unserer Wohnungsunternehmen ist langfristiges, verantwortungsbewusstes Wirtschaften. Sie reinvestieren stark in Bestände und Neubau, sichern stabile Nachbarschaften und sind ein verlässlicher Gegenpol zur teils von anderen Akteuren betriebenen Spekulation. Diese Kontinuität ist ein zentraler Pfeiler für sozialen Frieden in unseren Städten.
Sie stehen seit 2011 an der Spitze des GdW. Was hat sich in dieser Zeit grundlegend verändert – und was macht Ihnen trotz aller Krisen Mut, dass die Branche die aktuellen Herausforderungen meistern wird?
Die politischen Anforderungen an die Branche sind massiv gestiegen: Klimaschutz, Energiekrise, Zinswende, Regulierung. Gleichzeitig sehe ich enormes Engagement, Innovationswillen und Verantwortungsbewusstsein in unseren Unternehmen. Dieses Fundament gibt mir Zuversicht, dass wir auch die aktuellen Herausforderungen meistern können.
(Bildquelle: Ritter Consult)
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